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Montag, 15. Dezember 2014

Mathematik hilft bei Ängsten.

Lese Zeitung. Die Zeit. 
Magazin. Christian Neuling, Stichwort Bankenskandal Berlin, stellt sich einer existenziellen Seelenkrise. Kommt ins Gefängnis.
Die Tür knallt zu. Stille umfängt ihn. Laute(r) Stille.
Der Bericht fesselt mich. Auch deshalb weil ich mich oder vielmehr eine Situation in meinem Leben darin wiederfinde. Mit Banken habe ich nicht viel zu tun. Mein Konto ist eh kaum nennenswert und STILLE könnte man auch hierfür sagen.

Dass auch Bankenchefs anscheinend Angst verspüren, hat mich den zahlenfressenden und meiner Meinung nach gefühl- und emotionslosen Menschen näher gebracht. Angst ist ein Symptom, das menschlich ist. Und das scheinen sogar Zahlenmenschen zu spüren. Dann nämlich, wenn es ihnen an den Kragen geht. Die Existenzangst eben.

Aus dem Bericht ist herauszulesen, dass solche Menschen nicht in Panik verfallen, sondern im Falle der Not, der Angst, spontan einen Lösungsweg suchen, wie die sprichwörtliche Maus, die das Loch finden will, um aus der Enge zu entfliehen.

Homo faber von Max Frisch soll, so steht dort, während der Flugzeugnotlandung mathematische Aufgaben gelöst haben. Einfache, schlichte, simple Rechenaufgaben - 1 x 1 =1 und 2 x 2 = 4 usw.
Neuling hatte sich so durch die erste Nacht "Seines Schreckens" gebracht. Er rechnete die ganze Nacht, um sich selbst nicht der Panik auszuliefern.

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Als ich dies las, fiel mir der Zahnarzttermin ein. Ein solcher, den man lieber nicht beschreibt. Es ging um Schmerzen. Was auch sonst.
Ich sitze auf dem unumgänglichen Stuhl. Flüchten ist keine gute Idee. Die Schmerzen würden mit mir flüchten und von daher: Da musste ich durch!
Ängste sind ja bekanntlich sehr emotional und sitzen deshalb besonders tief. Solche Momente vergisst man selten, wenn nicht sogar nie.

Und während ich so saß und aus dem Fenster schaute, folgte der Wink des Schicksals.
Das Ziegeldach gegenüber der Praxis bevölkerte Tauben. Zwei genauer gesagt. Sie trippelten auf dem Giebel hin und her. Woraufhin ich sie mit den Augen verfolgte, währenddessen die Werkzeuge klapperten. Werkzeuge, die wenige später in meiner Mundhöhle ein Hexenwerk vollführten.
Der Zahnarzt gab sich viel Mühe. Er kann ja nichts dafür. Trotzdem kriecht die Angst samt den dazugehörigen Schweißausbrüchen immer mehr in einem hoch. So auch in diesem Moment.

Ich sitze also und schaue den beiden Tauben auf dem Dach zu wie sie trippelnd hin- und herlaufen. Sicher ein Liebesspiel, welches mich in diesem Moment der schauernden Zukunftsvision eher wenig bis gar nicht interessierte.
Unbewusst fing ich an zu zählen. Es waren ja nur zwei, trotzdem brachten mich die beiden Tauben auf die Idee, meine Angst mit dem mathematischen Konzentrationsspiel zu vertreiben. Da fiel mir das Zählen ein. So zählt man ja angeblich bis Hundert und schläft dann ein.
Ich versuchte zu zählen. Eins, zwei, drei, vier, fünf ...
schaffte es bis 39 und verfiel dann wieder den Gedankengängen, welche die Jetzt-Situation herbeiriefen.

Das war also nicht anstrengend genug, sagte mein Realismus und so musste die Sache schwieriger werden, um das volle Konzentrations- und ABLENKUNGSmanöver zu praktizieren.
2 x 5 = 10 + 3 = 13 x 3 =39. Da war ich wieder bei dieser Zahl, aber übersprang die Grenze. Nicht zu schwer, denn sonst blockte ja das Auf-dem-PUNKT-bleiben.

Ich wusste nicht mehr, wieviel Zeit verging, denn ich war ja beschäftigt. Mit Multiplizieren, mit Plus- und Minusaufgaben, mit Differenzieren ...
Die Richtigkeit war da weniger wichtig. Wichtig war das Ablenken, dass man sich auf etwas völlig anderes konzentriert und sich nicht in vage Angstgeschichten verstrickt, die dann so, wie man sie sich ausdenkt doch nicht eintreten!

Der Zahnarzt und seine Helfer fingen dann an. Noch immer war ich mit inzwischen schon höheren Zahlenreihen beschäftigt. Ich war erstaunt, dass ich das konnte, wo ich doch eher so Mittelmaß in der Schule war.

Die Angst trieb Früchte, ungeahnte, positive wohlgemerkt. Und so merkte ich kaum noch, was da auf dem Zahnarztstuhl vor sich ging. Und schneller als gedacht, erhob ich mich wieder und konnte nicht mal mehr beschreiben, was und welche Bohrgeräusche und sonstige Unannehmlichkeiten da in meiner Mundhöhle praktiziert wurden.